Bundesamt für Naturschutz

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Naturschutz, Meeresnaturschutz; Eisente, Bundesamt für Naturschutz

Eisenten zunehmend in Bedrängnis

  • Seevogel des Jahres 2017 geht im Bestand zurück
  • Zukünftiges Naturschutzgebiet Pommersche Bucht – Rönnebank sehr bedeutsam
Eisente Schwimmend

Eisente © Mirko Hauswirth

Bonn/Vilm, 22. Februar 2017: Besorgt blicken derzeit die Meeresnaturschützer und Vogelkundler auf eine Entenart, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist, aber gerade erst zum Seevogel des Jahres 2017 erklärt wurde - die Eisente (Clangula hyemalis). Diese mittelgroße, wunderschön gezeichnete Ente brütet in den arktischen und subarktischen Tundren Skandinaviens und Sibiriens und überwintert in großen Zahlen in der Ostsee. In den deutschen Meeresgebieten, insbesondere in der Pommerschen Bucht, findet sie eines ihrer wichtigsten Überwinterungsgebiete. Durchschnittlich wurden im deutschen Teil der Ostsee große Winterbestände von 350.000 Eisenten ermittelt. Das entspricht mit 22 Prozent einem erheblichen Anteil des westsibirischen-nordeuropäischen Gesamtbestands.

Doch Eisenten geraten zunehmend in Bedrängnis. Untersuchungen internationaler Wissenschaftler-Teams zeigen, dass die einst häufigste Meeresente in den letzten Jahrzehnten immer weiter im Bestand abnimmt. "Vergleiche zwischen den Jahren 1992/1993 und 2007 bis 2009 belegten einen Rückgang der westsibirischen-nordeuropäischen Population um erschreckende 65 Prozent von 4,1 Millionen auf 1,5 Millionen Individuen!", sagt Prof. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). "Dieser Trend hat sich in den letzten Jahren fortgesetzt. Derzeit ist nicht bekannt, ob hierfür vor allem ein zu geringer Bruterfolg oder eine zu hohe Sterblichkeit verantwortlich sind. Klar ist jedoch, dass Eisenten stark rückläufig und durch verschiedenste Ursachen gefährdet sind", so Prof. Jessel weiter. In den Brutgebieten werden zum Beispiel Altvögel bejagt und Gelege und Küken fallen Räubern zum Opfer. Doch auch in den Rast- und Durchzugsgebieten der Ostsee lauern Gefahren: So halten sich viele Eisenten insbesondere in Flachwasserbereichen wie Bodden- und Küstengewässern sowie an den küstenfern gelegenen Miesmuschel- und Sandbänken auf, in denen teilweise auch intensive Stellnetzfischerei betrieben wird. Da sich Eisenten tauchend ernähren, erkennen sie bei der Nahrungssuche unter Wasser nach Muscheln oder Fischlaich die Stellnetze oft nicht rechtzeitig, können sich darin verfangen und ertrinken.

Darüber hinaus reagieren Eisenten sehr sensibel auf Störungen, zum Beispiel durch Schiffsverkehr. Bei der Flucht verbrauchen sie viel Energie, was ihre Überlebensrate mindert. Zudem konnten Wissenschaftler nachweisen, dass Eisenten besonders vielbefahrene Schifffahrtsregionen meiden, was zu einer Zerschneidung und Verringerung ihres Lebensraumes führt. Gerade über den Muschelbänken, die von den Enten als Nahrungsgrund genutzt werden, sind die Folgen des Schiffsverkehrs gravierend, denn diese wichtigen Nahrungsgebiete stehen den Enten dann nicht mehr zur Verfügung. Auch in Windparkgebieten konnten Meidungseffekte beobachtet werden. Darüber hinaus führen Verölungen insbesondere nahe der Schifffahrtswege zu weiteren hohen Verlusten.

Das Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Universität Kiel (FTZ) führt als Projektnehmer für die Abteilung Meeresnaturschutz des BfN das Monitoring der Seevogelvorkommen in den deutschen Meeresgebieten durch. Neben den Erfassungen der Bestandsgröße und Verteilungsmuster der rastenden Eisenten werden in internationaler Kooperation zusätzlich Untersuchungen zur Populationsstruktur mit Hilfe digitaler Fotografie durchgeführt. Aktuelles Ergebnis: In der deutschen Ostsee überwintert offensichtlich weiterhin ein hoher Anteil erwachsener (adulter) und damit fortpflanzungsfähiger Tiere.

"Dies bedeutet: Deutschland hat eine besonders hohe Verantwortung für den Schutz dieser Art, da die Überlebensrate der Altvögel ein sehr wichtiger Faktor für den Bestandserhalt ist", hebt die BfN-Präsidentin hervor.

Das Meeresgebiet des Adlergrundes mit seinen herausragenden Miesmuschelbänken bis hin zu den Flachgründen der Oderbank in der deutschen Ostsee ist das Hauptaufenthaltsgebiet der adulten Eisenten im Winter. Dieses bereits als Naturschutzgebiet ausgewiesene Vogelschutzgebiet wird zukünftig in das große zur Ausweisung anstehende Naturschutzgebiet Pommersche Bucht - Rönnebank integriert werden. Dann gilt es, umgehend geeignete Management- und Schutzmaßnahmen zu ergreifen, damit auch zukünftig ausreichend große, ungestörte Überwinterungsgebiete mit einem ausreichenden Nahrungsangebot für die Eisenten gesichert sind.

 

Hintergrundinformationen zum Monitoring der Seevögel:

Internationale Abkommen und Richtlinien verpflichten Deutschland zur langfristigen und systematischen Erfassung und Beobachtung - dem Monitoring - geschützter mariner Arten und Lebensräume. Das BfN koordiniert das Monitoring in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) von Nord- und Ostsee. Wichtige Rast- und Zugvorkommen von Seevögeln in den Meeresgebieten von Nord- und Ostsee werden für die Abteilung Meeresnaturschutz des BfN seit vielen Jahren vom Projektnehmer FTZ von Flugzeugen und Schiffen aus erfasst. Wissenschaftler/innen zählen dabei alle Arten von Seevögeln, insbesondere Seetaucher, Möwen, Alken und Meeresenten, und berücksichtigen auch die starken Saisonalitäten vieler Seevogelarten. Die Ergebnisse des Monitorings sowie des internationalen Erfassungsprogramms "Seabirds-at-Sea" und weiterer Forschungsprojekte liefern inzwischen umfangreiche Daten zum Erhaltungszustand der Populationen, zu Verbreitung und Vorkommen sowie Trends und Gefährdungen.

 

Weiterführende Informationen:

Weiterführende Informationen des BfN zum marinen Monitoring der Wirbeltiere, auch zum Monitoring von Seevögeln: www.bfn.de/17607.html oder www.bfn.de/0314_marines-monitoring.html

Informationen zum Monitoring der Seevögel und anderen Forschungsarbeiten des FTZ, Gruppe Ökologie Mariner Tiere finden Sie hier:

www.ftz.uni-kiel.de/de/forschungsabteilungen/ecolab-oekologie-mariner-tiere

 

Bildmaterial:

Das Foto kann auf Wunsch digital zur Verfügung gestellt werden, bitte wenden Sie sich an das Pressereferat des BfN unter: presse@bfn.de bzw. 0228/8491-4444. Die Verwendung ist ausschließlich in Zusammenhang mit der Berichterstattung zu dieser Pressemitteilung möglich. Die Angabe von Mirko Hauswirth als Fotograf ist erforderlich.


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