Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Marine Aquakultur


Seit den 1970er Jahren ist die Aquakultur der am schnellsten wachsende Zweig der Lebensmittelproduktion. Mittlerweile werden jährlich 50 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte durch die Aquakultur gewonnen, die laut WWF nahezu der Hälfte des weltweit konsumierten Speisefischs entsprechen. Doch die vermeintliche Lösung zur Überfischung birgt ganz eigene Risiken und Belastungen für die marinen Ökosysteme.

Kultivierung birgt Risiken

In Europa begann die marine Aquakultur mit der Zucht von Miesmuscheln und Austern im 19. Jahrhundert. Bei der Kultivierung von Muscheln besteht die größte Gefahr im Import aus anderen Meeresgebieten, denn mit den Muscheln werden auch mögliche  nicht-heimische, invasive Arten ins heimische Ökosystem eingebracht. Auch die Ausbreitung der Muschel- und Austernarten selbst kann unvorhersehbare Folgen haben.

Beispielsweise die Pazifische Auster: sie wurde seit Mitte der 1960er Jahre in den Niederlanden und seit Mitte der 1980er Jahre bei Sylt in Austernfarmen gezüchtet. Vor allem in den letzten etwa 10 Jahren hat sich diese Austernart im schleswig-holsteinischen Wattenmeer ausgebreitet. Ihre Larven setzten sich besonders auf Miesmuscheln fest und verwandelten so manche Muschelbänke in Austernriffe. Dies hat gravierende Folgen für andere Tiere, z.B. Eiderenten, die sich von Miesmuscheln, nicht aber Austern ernähren, die sie wegen ihrer extrem harten Schale nicht verzehren können. Mit der Pazifischen Auster eingewandert ist der zähe und stark verzweigte Japanische Sargassum-Tang, der bis zu 3m lang werden kann. Wie darauf andere Organismen reagieren, ist bislang noch kaum erforscht.

Negative Folgen von Fischzucht im Meer

Durch die intensive Erzeugung von Biomasse in den Unterwasserfarmen kommt es bei der Fischzucht zu einer vermehrten Ablagerung von Futterresten und Fischexkrementen am Meeresboden. Durch Überdüngung und die Bildung von Faulschlamm können so die Bodenlebensräume verändert oder zerstört werden. Auch andere Stoffwechselendprodukte wie beispielsweise Ammonium, das von den Fischen über die Kiemen abgegeben wird, können sich im Wasser anreichern. Wird das Ammonium durch chemische Prozesse in Ammoniak umgewandelt, besteht für die Fische inner- und außerhalb der Anlagen eine hohe Vergiftungsgefahr.

Die chemische Belastung durch Fischfarmen ist generell als kritisch zu bewerten. Laut PAN (Pestizid-Aktions-Netzwerk e.V.) werden bis zu 300 verschiedene chemische Mittel in den Anlagen eingesetzt, um die Fische vor Krankheiten und Parasiten zu schützen aber auch, um ihre Produktivität zu steigern. Je nach Chemikalie kann dies gravierende Auswirkungen auf die Umwelt und auch die Verbraucher haben. Trotzdem lassen sich nicht alle Fischkrankheiten in den Griff bekommen. Aus Norwegen ist beispielsweise bekannt, dass wilde Lachse, die in der Nähe von Zuchtfarmen vorkommen, 73-mal häufiger von der parasitären Seelaus befallen werden als Fische fernab der Kulturen. Fischkrankheiten können sich also auf Wildbestände übertragen und diese somit stark gefährden.

Ein weiteres folgeschweres Risiko bergen gezüchtete Fische, die aus den Anlagen ausbrechen. Im Jahr 2006 sind z.B. allein in Norwegen 500.00 Lachse entkommen. Paaren sie sich mit den Wildbeständen, kann deren Erbgut verfälscht werden. Folgen für die Lachswanderungen, die den Tieren „in den Genen“ liegen, sind nicht auszuschließen.

Doch das weitaus kritischste Problem der Aquakultur ist die Fütterung der Fische. Denn bei den gezüchteten Arten handelt es sich meist um Raubfische wie Thunfische oder Lachse. Zur Herstellung des Futters ist folglich der Fang von kleineren Fischarten erforderlich! Dazu werden Arten wir Sardinen oder Sandaale mit engmaschigen Netzen gezielt befischt. Diese sog. Industriefischerei stellt eine Gefährdung der Nahrungsgrundlage für fischfressende Arten wie z.B. Kegelrobben, Schweinswale, Seevögel und große Fischarten dar. Die sogenannte FiFo-Rate (für: fish-in to fish-out) verdeutlicht, wie viel Kilogramm Wildfisch zur Produktion eines Kilogramms Zuchtfisch benötigt werden. Die liegt bei vielen karnivoren Fischarten beim vier- bis fünffachen, beim Thunfisch sogar beim bis zum 20fachen Wert.

Wege zu naturschonender Aquakultur

Doch von der Fütterung der Tiere bis zu ihrer Hälterung gibt es bereits zahlreiche Methoden und mögliche Maßnahmen, die ergriffen werden können, um Aquakulturen mariner Arten nachhaltig zu gestalten und somit zu einer tatsächlichen Alternative zum Fischfang zu werden.

So gibt es bereits an Land betriebene Zuchtbecken, die effektive Filtersysteme für den Wasseraustausch nutzen, sodass keine Exkremente, schädliche Stoffwechselprodukte und Futterreste ins Meer entlassen werden. Auch die Verbreitung von Krankheiten kann durch geschlossene Wasserkreisläufe verhindert werden. Vegetarisches Fischfutter aus Soja- und Rapspflanzen könnte den Bedarf von Fischmehl erheblich verringern und so tatsächlich die Wildbestände schonen. Öko-Siegel und ähnliche Kennzeichnungen helfen dem Verbraucher beim Fischkauf, nachhaltige Aquakulturen zu erkennen.